Octalröhren weltweit

Veröffentlicht in Röhrengeschichte

Europäische Entwicklungen

Octalröhren in Frankreich : Metall–, G– und MG- Röhren ab 1936

 

Octal-Röhren erschienen ab 1936 in Frankreich in praktisch allen gängigen Bauformen, als Metall-, als Glas (G)-, als Metall-Glas (MG)- Röhren und von Neotron in Stemless- Technik.

Es gibt aber keinen sicheren Hinweis darauf, ob in Frankreich wirklich jemals Octal-Metallröhren hergestellt wurden. Man findet sie nur häufig in der Anfangszeit, danach findet man fast nur noch G- und MG- Versionen. Es besteht daher der Verdacht, dass die Metallröhren von RCA bezogen wurden und unter den Marken Dario und Mazda verkauft wurden.

Nachdem die die Kundschaft mit den wohl preisgünstigeren G- und MG-Typen zufrieden war, verschwanden die Metallröhren weitgehend.

Weit verbreitet waren zunächst die Standard-Typen 6A8, 6K7, 6Q7, 6F6 und 5Y3G. Nach und nach kamen in jedoch Frankreich Octal-Röhren auf den Markt, die nicht in den USA entwickelt wurden, die meisten davon in Frankreich selbst.

März 1937:

6TH8  Tungsram

Triode-Hexode

Die erste nichtamerikanische Octal-Röhre, die in Frankreich erschien, war die Triode-Hexode 6TH8 von Tungsram, - mit einen enorm bizarren Hintergrund.

Die Firma Tungsram mit Firmensitz in Budapest, Ungarn, war auf den meisten europäischen Ländern präsent. Tungsram betrieb keine vertiefte Entwicklung eigener Röhrentypen, stattdessen wurden überwiegend Röhren anderer Hersteller nachgebaut. Eine Spezialität von Tungsram war jedoch, bestehende Röhrentypen mit anderen Heizdaten und/oder anderem Sockel zu versehen und diese dann als angebliche Eigenentwicklungen anzubieten.

In der Octal-Serie gab es als Mischröhre nur die Pentagrid-Converter– Röhre 6A8, die auf Kurzwelle nur eingeschränkt brauchbar ist, da sie bei Schwundregelung mit der Frequenz wegläuft.

Wegen den Mängeln der Pentagrid-Converter– Röhren wurde schon 1934 von Telefunken die Triode-Hexode ACH1 entwickelt, welche sich auf Kurzwelle stabil verhält. Hiervon brachte Tungsram zunächst unter der Bezeichnung TACH1 eine Version mit Außenkontaktsockel und 4V Heizung heraus, die pinkompatibel zur Oktode AK2 ist und diese ohne Schaltungsänderung ersetzen konnte.

Da die TACH1 im französischen Markt aber kaum gefragt war, kam man bei Tungsram, allerdings erst drei Jahre nach Einführung der ACH1 auf die Idee, dass auch in der Octal-Serie eine solche kurzwellentaugliche Triode- Hexode Erfolg haben könnte.

So wurde die TACH1 mit Octalsockel und 6,3V-Heizung versehen, um damit unter der Bezeichnung 6TH8 oder 6TH8G gegen die 6A8 zu konkurrieren.

Soweit ersichtlich, ist diese 6TH8 völlig baugleich mit der TACH1(außer dem Sockel, natürlich). Leider sieht man in beide Röhren nur sehr wenig hinein, da die Kolben außer der Metallisierung auch noch innen graphitiert sind. Es gibt aber keinen Grund zur Annahme, dass im Systemaufbau irgendwelche Unterschiede bestehen könnten.

Von der ACH1 zur 6TH8(G)

Aus der ACH1 wurde die TACH1 mit Außenkontaktsockel.

 

Aus der TACH1 wurde die 6TH8 mit Octal-Sockel und 6,3V Heizung

Ab März 1937 wurde die 6TH8G in der französischen Fachpresse mit einem Riesenspektakel als „völlig neue Mischröhre!" vorgestellt. In einer Fachzeitschrift wurden zwei Mittelseiten ganz der 6TH8G gewidmet, dargestellt als angebliche Neuentwicklung von Tungsram mit Angaben wie: „eine Mischröhre ohne gleichen“ und „es ist eine Creation Tungsram“, wobei völlig verschwiegen wurde, dass es sich lediglich um den Nachbau der drei Jahre zuvor von Telefunken entwickelten ACH1 handelt, nur dass diese hier mit 6,3V Heizspannung und mit Octal-Sockel ausgestattet wurde. [16]

Zu befürchten hatte Tungsram von Telefunken nicht viel. Telefunken war auf dem französischen Markt nicht vertreten, zu dieser Zeit waren Deutschland und Frankreich noch verfeindet und Deutschland war Kriegsverlierer, so dass Telefunken in Frankreich kaum Chancen gehabt hätte, irgendwelche Ansprüche durchzusetzen.
Im günstigsten Fall bekam Telefunken von Tungsram für jede verkaufte 6TH8 Lizenzabgaben für das Trioden-Hexoden- Patent.

Die Verbreitung der 6TH8 war allerdings nicht sehr groß, Hauptabnehmer waren Ducretet und Point Bleu (= Blaupunkt- Frankreich). So konnte Point Bleu in Frankreich mit der 6TH8 das gleiche Schaltungsdesign verwenden, wie es Blaupunkt in vergleichbaren Modellen in Deutschland mit der ACH1 hatte.

Von der 6TH8 gab es auch noch eine Allstromausführung 21TH8 mit 21 V Heizspannung, aber entgegen der Octal-Norm mit 0,2 statt 0,3A Heizstrom. Damit war wohl beabsichtigt, sie auch in Allstromradios mit C- Röhren einsetzen zu können.

Die 6TH8 und die 21TH8 wurden zunächst wohl unter den Bezeichnungen TX6 bzw. TX21 angeboten, möglicherweise auch für den englischen Markt.

 

 
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Systemaufbauten von der ACH1 zur 6TH8(G)

1: eine Telefunken ACH1 von 1934 mit Keramik-Abstandshalter für das Triodensystem (unten), Stützplatten der Elektroden aus Glimmer, Hexodensystem (oben) mit Drahtgeflechtanode und Abschirmgitter darum.

2: eine weitere ACH1 mit Abstandshalter und sämtlichen Elektrodenstützplatten aus Keramik, Hexodensystem mit Drahtgeflechtanode, statt Abschirmgitter nur noch ein Blechring.

3: eine ACH1 späterer Bauweise ganz ohne Keramikteile, Anode Hexode nur noch aus Blech.

4: Systemaufbau der Tungsram 6TH8. Bis auf nebensächliche Details entspricht sie völlig dem Aufbau der Telefunken ACH1.

 

 6TH8 Tungsram   6TH8 Miniwatt-Dario  6TH8 Mullard  6TH8G Mazda

Die 6TH8-G aus verschiedenen Quellen:

6TH8 Tungsram : die original 6TH8 von Tungsram, vorn gestempelt als Tungsram Barium Tube 6TH8, ohne Suffix G, obwohl Glasröhre, auf der Rückseite gestempelt mit „Importe de Hongrie“, woraus klar hervorgeht, dass diese Röhre in Ungarn hergestellt und nach Frankreich exportiert wurde.

6TH8 Miniwatt-Dario : eine 6TH8, angeblich hergestellt von Miniwatt-Dario. Da es üblich war, dass größere Röhrenhersteller alle gängigen Typen liefern können, wurden Röhren, die nicht im eigenen Produktionsprogramm waren, von der Konkurrenz zugekauft und unter eigenem Namen wieder verkauft. Da aber der Aufbau dieser Röhre bis ins kleinste Detail dem der original Tungsram 6TH8 entspricht, ist es sehr unwahrscheinlich, dass diese Röhre woanders als bei Tungsram hergestellt wurde.

6TH8 Mullard: das Verwirrspiel ist hier kaum mehr zu toppen: eine 6TH8 angeblich von Mullard (UK), aber beschriftet mit „Importe d'Angleterre“, also angeblich aus England nach Frankreich importiert. Da auch hier der Aufbau bis ins kleinste Detail dem der original Tungsram 6TH8 entspricht, ist es äußerst unwahrscheinlich, dass diese Röhre woanders als bei Tungsram in Ungarn hergestellt wurde. Man wird wohl nie mehr erfahren, warum die englische Mullard, (ebenfalls eine Philips-Tochterfirma), von Tungsram die 6TH8 aus Ungarn importiert, um sie dann unter eigenem Namen anschließend nach Frankreich zu exportieren, obwohl Tungsram selbst die 6TH8 in Frankreich eingeführt hat.
Allerdings wurde die 6TH8 auch mit kleinem Marktanteil im UK angeboten.

6TH8G Mazda: obwohl Mazda zu dieser Zeit schon mit der nachfolgenden, viel moderneren Triode-Hexode 6E8G auf dem Markt war, wurde im Oktober 1938 von Mazda eine 6TH8G in einer etwas anderen Bauform vorgestellt und sogar richtig mit Suffix G gestempelt.
Es ist etwas erstaunlich, dass bei dem nie großen und wegen der neuen 6E8G auch noch rückläufigen Marktanteil der 6TH8 hier Mazda in Konkurrenz zu Tungsram trat. Ein Grund könnte darin bestehen, dass Mazda Einzelteile zur Fertigung der ACH1 vorhielt, die aber kaum nachgefragt wurde und diese dann zum Bau der 6TH8G verwendete.

Superlative und Premieren der 6TH8:

Die 6TH8 war sehr wahrscheinlich :
- die erste Triode-Hexode mit 6,3 V Heizspannung,
- die erste Triode-Hexode der Octalserie,
- die erste Octalröhre, die außerhalb der USA geschaffen wurde,
- die erste Octalröhre europäischer Herkunft,
- eine der ersten Octalröhren mit Doppelbuchstaben und dabei
- die erste mit Anfangsbuchstaben "T", wobei mit "TH" natürlich nichts anderes als "Triode-Hexode" gemeint war.
- die erste und einzige ehemalige 4V - Stiftsockelröhre, die in die viel modernere Octalserie transponiert wurde.

Das Zustandekommen dieser Röhre ist schon etwas abenteuerlich. Bis zu 5 Länder waren daran beteiligt:
- In Ungarn wurde sie von Tungsram hergestellt,
- das eigentliche System kam aus Deutschland - in Form der drei Jahre zuvor von Telefunken herausgebrachten ACH1,
- die Octal- Sockeltechnik kam aus den USA und
- hauptsächlich in Frankreich wurde sie verkauft,
- im Falle der 6TH8 Mullard war auch noch England beteiligt

Hier zeigt sich, welche Marktchancen Telefunken als Erfinder der Triode-Hexode versäumt hat: Telefunken selbst hätte eine solche Röhre, da ohne Konkurrenz, schon ab 1934 sowohl in der alten amerikanischen 2,5 V- Serie wie auch in der 6,3 V- Serie anbieten können, z.B. als 2TH7 und 6TH7. Diese hätten auf allen Märkten beste Chancen gehabt, in denen amerikanische Röhren verbreitet waren, darunter auch viele europäische Länder. Auch wäre eine 6,3 Vf- Außenkontaktsockel- ECH1 sehr konkurrenzfähig gewesen gegen die lange Zeit hier nur vorhandenen Oktoden EK1, EK2 und EK3.

 

Die 6TH8 – zuerst da, aber sehr früh auch wieder überholt !

 

      

 

6TH8 Tungsram März 1937 6E8G Mazda Februar 1938 ECH11 TFK Februar 1938  ECH3 Januar 1939 6E8MG Juni 1940

Im Jahr 1937 erschien die 6TH8, aber kaum ein Jahr später wurde sie durch die nächste europäische Octal- Triode-Hexode schon wieder verdrängt.

Seit der ACH1, die 1934 von Telefunken herauskam, gab es bei Trioden-Hexoden keine Neuentwicklungen.

Als die 6TH8 im Jahr 1937 erschien, war sie eigentlich schon veraltet. Ihr Systemaufbau entspricht wie bei der ACH1 dem Stand von 1934, ähnlich wie RENS1284 oder RENS1294, mit einer Heizleistung von 4,4 W, als man noch keine kleineren indirekt geheizten Katoden bauen konnte und entsprechend großem Systemaufbau.

 6TH8 Tungsram 6E8G Mazda ECH11 TFK ECH3 Mazda
alte Triode- Hexode - - - neue Trioden- Hexoden ab 1938 - - -

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  Daten im Vergleich:
Februar 1938: Ein neues Trioden-Hexoden- Zeitalter beginnt !

6E8G Mazda

Triode-Hexode

Am 15. Februar 1938 wurden in der Zeitschrift „Funk“ erstmals in Deutschland die neuen Stahlröhren angekündigt, darunter die Triode- Hexode ECH11, mit nur noch 1,26W Heizleistung (aus 6,3V * 0,2A) und entsprechend kleinem Systemaufbau, der horizontal in dem von Telefunken entwickelten Stahlröhrenkolben eingebaut wurde.

Sehr zufällig erschien praktisch zur exakt gleichen Zeit, am 13. Februar 1938, in der französischen Zeitschrift „Le Haut Parleur“ ein Bericht über einen „5ten Salon für Einzelteile“, in welchem vom Hersteller Mazda unter Anderen eine neue Triode-Hexode 6E8G erwähnt wurde. Sie hatte die Kolbengröße ST12 wie die 6K7G oder die 6Q7G und war somit deutlich kleiner als die 6TH8.

Vergleicht man die Daten dieser 6E8G mit denen der ECH11, stellt man fest, dass diese überwiegend identisch sind und nur in kleinen Nuancen abweichen. Größter Unterschied ist der Heizstrom 0,3A nach amerikanischer Norm, gegenüber 0,2A der ECH11, entsprechend europäischer Norm.

Nicht nur die Daten der 6E8G und der ECH11 sind sehr ähnlich, auch im Systemaufbau besteht große Übereinstimmung. Größe, Form und Ausschnitt der Anodenbleche des Hexodensystems (oben), einschließlich der seitlichen Löcher, sind fast völlig identisch.

Unterschiedlich sind jedoch die Anodenbleche der Triodensysteme (unten). Bei der ECH11 hat die Anode nur die elektrisch notwendige Größe, während sie bei der 6E8G mit langen Flügeln seitlich verlängert ist und dadurch mehr Verlustwärme abstrahlen kann.
Hier wurde wahrscheinlich berücksichtigt, dass die 6E8G als Ersatz für die 6A8 verwendet werden könnte, wobei die Anode erheblich mehr belastet wird.

Äußerlich sind sich die 6E8G und die ECH11 sehr unterschiedlich, innerlich und elektrisch sind sie sich jedoch sehr ähnlich !
- Also beinahe gleicher Inhalt, aber sehr unterschiedliche Verpackung !

 

Betriebswerte Typ: ECH11 6E8G ECH3  
als Mischstufe:   Hexode Hexode Hexode  
Heizspannung Uf 6,3 6,3 6,3 Volt
Heizstrom If 0,2 0,3 0,2 A
Anodenspannung Ua 250 250 250 Volt
Schirmgitterspannung Ug2+4 100 100 100 Volt
Spannung Gitter 1 Ug1 -2 -2 -2 Volt
Ug1 für Abregelung 1:100 Ug1 -21 -21 -23 Volt
Katodenwiderstand Rk 230 230 215
Anodenstrom Ia 2,5 2,3 3 mA
Schirmgitterstrom Ig2+4 3 3 3 mA
Mischsteilheit Sc 0,65 0,65 0,65 mA/V
Innenwiderstand Ri 1,5 1,25 1,3 MΩ
           
Daten für Typ: ECH11 6E8G ECH3  
Oszillatorbetrieb:   Triode Triode Triode  
Betriebsspannung Ub 250 250 250 Volt
Außenwiderstand (Anode) Ra 30 30 45 kΩ
Spannung Gitter 1 Ug1 -10 -8 -10 Volt
Anodenstrom Ia 3,3 3,3 3,3 mA
Anodenspannung statisch Ua-stat 150 150 100 Volt
Gitterwiderstand Rgo+g3 50 50 50 kΩ
Steilheit maximal S 2,8 2,8 2,8 mA/V
Verstärkungsfaktor µ 20 17 24  

ECH11 6E8G ECH3
Systeme in Seitenansicht 

Zusammenarbeit Telefunken – Philips

Da der Philips-Konzern einen Patentaustausch mit Telefunken unterhielt, war es für Philips und seine Tochterfirmen möglich, Trioden-Hexoden mit den Eigenschaften der von Telefunken entwickelten ECH11 herzustellen. Da die ECH11 alle bisher von Philips hergestellten Mischröhren weit übertraf, sah sich Philips gezwungen, eine gleichwertige Röhre einzuführen.

Eine 1:1 Übernahme der ECH11 kam natürlich nicht in Frage, da Philips mit dem Telefunken- Stahlröhren- System so wenig wie möglich zu tun haben wollte. In die Rote Serie wollte man eine solche Triode-Hexode vorerst auch noch nicht einführen, da Philips hier gerade erst die Oktode EK3 eingeführt hatte, die dann sofort obsolet geworden wäre.

Also musste ein Weg durch die Hintertür gefunden werden. Dies geschah, indem diese neue Triode- Hexode nicht bei Philips selbst, sondern von der Tochterfirma Mazda eingeführt wurde. Auch erhielt die Röhre keinen Außenkontaktsockel, um nicht in Konkurrenz zu Röhren der Roten Serie zu treten. Stattdessen erschien sie als 6E8G in der Octalserie, wo sie optimal hinpasste, da es hier außer der veralteten 6TH8 nur noch die schwächere 6J8G und die Pentagrid-Converter- Röhre 6A8 gab.

Wenig erstaunlich, wurde sie zur Standard- Mischröhre in der französischen Octalserie.
Später war sie besonders oft in der Version 6E8MG verbreitet.

ECH3

Während die Octal- Triode-Hexode 6E8G zeitgleich mit der ECH11 eingeführt wurde, hielt man in der Roten Serie eine der ECH11 entsprechende Triode-Hexode vorerst noch zurück, um der Pseudo-Oktode EK3 eine Gnadenfrist zu gewähren. Diese Frist endete aber schon nach weniger als einem Jahr, als im Januar 1939 erstmals die ECH3 vorgestellt wurde. Diese ist der ECH11 noch ähnlicher als die 6E8G, da sie den gleichen Heizstrom 0,2A hat wie die ECH11. Allerdings findet man kleine Unterschiede in beiden Systemen, auch hier hat die Triode große Anodenflügel wie die 6E8G. Es wurde wohl auch hier berücksichtigt, dass die ECH3 als Ersatz für die EK2 verwendet werden könnte, wobei die Anode erheblich mehr belastet wird.

Auch hier wurde die ECH3 sofort zur neuen Standard- Mischröhre in der Roten Serie.

 

August 1937:

5Y3GB Mazda
Zweiweggleichrichterröhre,
halbindirekt geheizt :

 

Älteste Konstruktion der 5Y3GB mit 2 separaten Diodensystemen, mit den gleichen Anodenzylindern der direkt geheizten 5Y3G, aber indirekt geheizten Katodenrohren.

 

Modernere Konstruktion der 5Y3GB mit gemeinsamer
Flachprofilkatode und nach zwei Seiten speziell
geformte Anodenbleche für jede Halbwelle.

Nur kurze Zeit nach der ersten nichtamerikanischen Octal-Röhre 6TH8 folgte in Frankreich im August 1937 von Mazda eine weitere nichtamerikanische Octal-Röhre, - die Zweiweggleichrichterröhre 5Y3GB.

Diese hat die gleichen Betriebsdaten wie die schon vorhandene 5Y3G, im Gegensatz zu dieser ist sie jedoch halbindirekt geheizt.

Nach der Konstruktion ist es eigentlich eine indirekt geheizte Röhre, wobei ein Heizfadenende schon in der Röhre mit der Katode verbunden ist, womit man sich eine höherwertige Heizfadenisolation ersparen konnte und die 5Y3GB direkt austauschbar mit der 5Y3G wurde.

Durch diesen baulichen Unterschied hätte diese Röhre eigentlich eine eigene, unabhängige Bezeichnung haben können, es wurde aber bewusst 5Y3GB gewählt, um sie als weiterentwickelte und verbesserte Version der 5Y3G anzubieten.

Direkt geheizte Gleichrichterröhren haben das Problem, dass sie viel früher Strom liefern, als die trägen indirekt geheizten Empfängerröhren Strom aufnehmen können, mit der Folge schädlich hoher Überspannungen in der Zwischenzeit. Mit der halbindirekt geheizten 5Y3GB ist dieses Problem nun gelöst, denn sie liefert erst dann Strom, wenn die Empfängerröhren auch Strom aufnehmen, wodurch keine Überspannung mehr entsteht.

Mit diesem Vorteil gelang es, mit der französischen Entwicklung 5Y3GB (eigentlich Philips- Frankreich) die ursprüngliche amerikanische Entwicklung 5Y3G vom Markt erfolgreich zu verdrängen.

Um die 5Y3GB austauschbar zur 5Y3G zu machen, sorgte man dafür, dass diese trotz indirekter Heizung den gleichen Innenwiderstand wie die 5Y3G hat. Hierzu wurden für den Systemaufbau die gleichen Anodenzylinder wie für die direkt geheizte 5Y3G verwendet und einfach die indirekt zu heizenden Katodenrohre hier eingesetzt.

Die 5Y3GB entspricht bis auf den Sockel der Außenkontakt- Gleichrichterröhre 1883, die zur gleichen Zeit erschien.

Später wurde die Konstruktion der 5Y3GB ebenso wie auch die der Außenkontaktröhre 1883 geändert, indem man um nur noch eine gemeinsame Flachprofilkatode nach jeder Seite ein speziell geformtes Anodenblech für jede Halbwelle anordnete.

Daneben wurden sowohl die 5Y3GB wie auch die 1883 in einer ganzen Anzahl verschiedener Versionen geliefert, die sich im Systemaufbau oder Kolben unterschieden.

 

September 1938

6M6G Visseaux

Endpentode, Octal- Version der EL3N

Eine original Visseaux 6M6G.
Leider ist
auf dem Bild die Bezeichnung  kaum erkennbar.

Eine Philips 6M6, wobei normwidrig der Suffix -G
weggelassen wurde.
Eine Mullard EL33,
leider ist der Aufdruck
„Mullard EL33 Pentone“
stark verwischt.

Etwa zu der Zeit, als die EL3N die alte EL3 ablöste, brachte Visseaux eine Octal- Version dieser EL3N mit der Bezeichnung 6M6G heraus

Dies war in der Klasse der Endröhren mit Impedanz 7 kΩ gegenüber der 6F6G ein großer Fortschritt, da die Steilheit der 6M6G fast 4 mal so hoch und die Sprechleistung 25% höher ist wie die der 6F6G.

Zu dieser Zeit war jedoch die 6V6G schon so verbreitet und beliebt, so dass die 6M6G im Marktanteil weit dahinter blieb, obwohl die die Steilheit der 6M6G mehr als doppelt so hoch ist als die der 6V6G. Dafür hat die 6V6G nur die Hälfte des Heizstroms der 6M6G und lag wegen dem einfacheren Aufbau auch preislich wohl günstiger.

Ebenfalls im Jahr 1938 erschien bei Mullard in England eine Octal-Version der EL3N unter der Bezeichnung EL33, die somit voll äquivalent zur französischen 6M6G ist. Im Gegensatz zu dieser war sie jedoch im UK sehr erfolgreich !

 

 

 

 

Die Philips 6M6 und die Mullard EL33 sind nicht nur technisch äquivalent, sie sind auch bis auf nebensächliche Details völlig baugleich.

 

Viele Jahre später erschien in Frankreich die 6M6GT.

Diese beiden Bilder zeigen die gleiche Röhre, nur von zwei Seiten.

Die Firma Belvu wurde als Handelsfirma gegründet, welche ab 1955 die Produkte der Firmen Claude Paz & Silva, Fotos und Visseaux verkaufte.

Zumindest am Anfang behielt Visseaux noch den eigenen Markennamen bei und gleichzeitig erhielt die Röhre eine Belvu- Stempelung.

 

 

Februar 1939

6AF7G Mazda

Magisches Auge mit zwei Anzeigebereichen und 4 Schattenwinkeln.

 

Original 6AF7G mit 4 Schattenwinkeln
und nach innen gestülptem Sichtfenster.

  
 

Neuere 6AF7G mit nur 2 Schattenwinkeln und normal gerundetem Glaskolben.

Bisher hatten Magische Augen nur einen Anzeigebereich, auch wenn sie mehrere Schattenwinkel hatten. Amerikanische Magische Augen, wie 6E5 oder 6U5 haben nur einen Schattenwinkel, die AM2 hat 2 und die EM1 hat sogar 4 Schattenwinkel.

Alle diese Abstimmanzeigeröhren haben den Mangel, den gesamten Feldstärkebereich von ganz schwachen bis ganz starken Signalen nicht eindeutig anzeigen zu können. Führt man ihnen die volle Diodenspannung zu, sind sie schon bei mittleren Signalen voll ausgesteuert und starke Signale ergaben keine weitere Anzeigeänderung mehr. Vermindert man die Steuerspannung in dem Sinn, dass nur bei stärksten Signalen Vollausschlag erzielt wird, ist bei schwächeren Signale kaum noch ein Ausschlag zu erkennen.

Die Lösung dieses Problems wurde mit der Konstruktion von Zweibereichs- Magischen Augen erreicht, wozu auch die 6AF7G zählt. Im Gegensatz zur EM1, deren vier Ablenkstege alle parallel die gleiche Auslenkung verursachen, sind die vier Ablenkstege der 6AF7G auf zwei Bereiche unterschiedlicher Ablenkempfindlichkeit aufgeteilt.

Hierzu befindet sich unter dem Leuchtschirm ein Verstärkersystem, das mit dem Leuchtschirm eine gemeinsame Katode, ein Gitter mit unterschiedlicher Steigung und zwei getrennte Anodenbleche hat. Diese beiden Anoden bilden mit den unterschiedlichen Gitterwindungen zwei Triodensysteme mit unterschiedlicher Verstärkung und sind mit je einem Paar um 90° versetzten Ablenkstegen verbunden, woraus sich 4 Schattenwinkel ergeben.

Das empfindliche System ermöglicht nun auf 2 Schattenwinkeln die Anzeige schwacher Signale, wobei das andere fast keinen Ausschlag anzeigt, während umgekehrt das unempfindliche System bei starken Signalen auf den beiden anderen Schattenwinkeln noch eindeutige Ausschlagsänderungen zeigt, wenn das vorherige schon voll ausgesteuert ist.

Da die Helligkeit der früheren 6AF7G nicht sehr groß war, wurde das Kopfende des Glaskolbens, unter dem sich der Leuchtschirm befand, nach innen gestülpt, wodurch seitlich einfallendes Skalenlicht besser unterdrückt wurde und das Leuchtbild besser erkennbar war. Als es später gelang, die Helligkeit zu erhöhen, kam man von dieser Innenwölbung wieder ab.

Später wurde, wohl aus Kostengründen, die 6AF7G mit nur noch mit 2 Schattenwinkeln hergestellt, wie bei der EM4 schon immer.

Zweibereichs- Magische Augen wurden im Jahr 1939 eingeführt. Die EM4, die nur 2 Schattenwinkel hat, wurde im Januar, die 6AF7G im Februar 1939 erstmals in der Presse vorgestellt. In Deutschland wurde die EM11, die ebenfalls 4 Schattenwinkel hat, im Juli 1939 zusammen mit der ECL11 vorgestellt.

 

 

März 1940

6M7G/MG Visseaux

Regelpentode für gleitende Schirmgitterspannung

Statt einer festen Schirmgitterspannung, die z.B. durch einen Spannungsteiler erzeugt wird (Schirmgitter- Vor- und Paralellwiderstand), wird hier nur noch ein Schirmgitter-Vorwiderstand benötigt, der im ungeregelten Zustand die richtige Schirmgitterspannung von 100 V erzeugt. Wird nun die Röhre heruntergeregelt, so steigt die Schirmgitterspannung mit abnehmendem Schirmgitterstrom an. Diese Röhrenkonstruktion ermöglicht eine größere Steilheit bei gleichzeitig kleinerem Anodenstrom im ungeregelten Zustand.

In der Roten Serie wurde schon im April 1938 die EF9 als Regelpentode mit gleitender Schirmgitterspannung vorgestellt.

Die schon im Oktober 1938 in den USA erschienene 6SK7 Octal- Regelpentode mit gleitender Schirmgitterspannung erschien nicht in Frankreich, auch nicht in abgewandelter Form. So gab es in der Octalserie in Frankreich bis zur Einführung der 6M7 nur die Regelpentode 6K7, die noch eine feste Schirmgitterspannung benötigt.

Die 6M7 erschien in den Versionen 6M7G und 6M7MG, letztere ist heute noch viel häufiger anzutreffen.

Die 6M7 ist in den Betriebsdaten sehr ähnlich der EF9, obwohl ihr Heizstrom das 1,5fache der EF9 beträgt, also 0,3 A nach amerikanischer Norm statt 0,2 A nach europäischer Norm. Da hierdurch auch die Katodenoberfläche 1,5 mal größer ist als die der EF9, mussten entsprechende Änderungen der Gitterstruktur vorgenommen werden, um trotzdem der Charakteristik der EF9 nahe zu kommen.

Erstaunlich ist, dass Visseaux diese Entwicklung ausgeführt hat, da diese Firma überwiegend nur Röhren in Lizenz nachbaute. Zwar brachte Visseaux auch die Endpentode 6M6G heraus, aber hier musste nur die vorhandene EL3N mit einem Octal-Sockel versehen werden.

 *1  *2  

Für die 6M7 werden 2 Betriebsdaten angegeben, wobei die erste mit denen der EF9 fast identisch sind:

Betriebsart I 6M7:
Ua= 250 V, Ug2= 100V, Ug1= -2,5 V, Ia= 6,5 mA, Ig2= 1,7 mA, S= 2,4 mA/V

zum Vergleich EF9:
Ua= 250 V, Ug2= 100V, Ug1= -2,5 V, Ia= 6 mA, Ig2= 1,7 mA, S= 2,2 mA/V

Betriebsart II 6M7:
Ua= 250 V, Ug2= 125V, Ug1= -2,5 V, Ia= 10,5 mA, Ig2= 2,8 mA, S= 3,4 mA/V

In der Betriebsart I hat die 6M7 mit S= 2,4 mA/V eine leicht höhere Steilheit als die EF9 mit S= 2,2 mA/V.

In der Betriebsart II erreicht die 6M7 eine Steilheit von S= 3,4 mA/V ! Dies ist beachtlich viel für eine Regelpentode, die noch nicht für UKW- und Breitband- Anwendungen entwickelt war !

Die Werte in Betriebsart II für Ug2, Ia und Ig2 liegen auch verdächtig nahe an denen der bisherigen Regelpentode 6K7, die aber eine deutlich geringere Steilheit von nur 1,65 mA/V hat. Hiermit beabsichtigte man wohl, die 6M7 auch als Ersatzbestückung der 6K7 zu empfehlen und diese dadurch vom Markt zu verdrängen.

Betriebsdaten der 6K7 zum Vergleich:
Ua= 250 V, Ug2= 125V, Ug1= -3 V, Ia= 10,5 mA, Ig2= 2,6 mA, S= 1,65 mA/V

 

*1: richtig beschriftete 6M7MG, "MG" = „Metall-Glas“ d. h. eine Glas-Röhre in einer Metallhülle

*2: Eine Octal-Röhre 6M7 ohne Suffix wie -G oder -MG wäre laut Nomenklatur eine Stahlröhre, die es von diesem Röhrentyp nicht gibt. Man hat sich wohl durch das Weglassen der Buchstaben „MG“ signifikante Einsparungen versprochen und erwartete, dass jeder an der Bauform erkennt, dass es sich um eine MG- Röhre handelt. Zudem wurde der Markenname „Dario“ weggelassen.

 

 

März 1940

6H8G/MG Visseaux
Regelpentode- Duodiode
für gleitende Schirmgitterspannung

Parallel zur Regelpentode 6M7 erschien auch die Regelpentode- Duodiode 6H8 für gleitende Schirmgitterspannung

So, wie die 6M7 eine verbesserte Übertragung der EF9 in die Octal-Serie darstellt, ist auch die 6H8 eine Übertragung der EBF2 in die Octal-Serie.

In der Roten Serie wurde schon im Juli 1938 die Regelpentode- Duodiode EBF2 mit gleitender Schirmgitterspannung vorgestellt.

So gab es in der Octalserie in Frankreich bis zur Einführung der 6H8 nur die Regelpentode- Duodiode 6B8, die noch eine feste Schirmgitterspannung benötigt.

Die 6H8 erschien in den Versionen 6H8G und 6H8MG, letztere ist sehr viel häufiger anzutreffen.

Die 6H8 ist in den Betriebsdaten sehr ähnlich der EBF2, obwohl ihr Heizstrom das 1,5fache der EBF2 beträgt, also 0,3 A nach amerikanischer Norm statt 0,2 A nach europäischer Norm. Da hierdurch auch die Katodenoberfläche 1,5 mal größer ist als die der EBF2, mussten entsprechende Änderungen der Gitterstruktur vorgenommen werden, um trotzdem der Charakteristik der EBF2 nahe zu kommen.

Erstaunlich ist auch hier, dass Visseaux diese Entwicklung ausgeführt hat, da diese Firma überwiegend nur Röhren in Lizenz nachbaute.

* 1 

 

 

 

 

*2

*3

 

 

 

 

Für die 6H8 werden 2 Betriebsdaten angegeben, wobei die erste mit denen der EBF2 sehr ähnlich sind:

Betriebsart I :
Ua= 250 V, Ug2= 100V, Ug1= -2 V, Ia= 5,7 mA, Ig2= 1,8 mA, S= 2,1 mA/V

Betriebsart II :
Ua= 250 V, Ug2= 125V, Ug1= -2 V, Ia= 8,5 mA, Ig2= 2,6 mA, S= 2,4 mA/V

 Zum Vergleich EBF2:  Ua= 250 V, Ug2= 100V, Ug1= -2 V, Ia= 5 mA, Ig2= 1,6 mA, S= 1,8 mA/V

 

*1: richtig beschriftete 6H8MG, "MG" = „Metall-Glas“ d. h. eine Glas-Röhre in einer Metallhülle

*2: Obwohl die Röhre auf dem Karton richtig mit 6H8MG bezeichnet wurde, ist die Röhre selbst nur mit 6H8 gestempelt. Man hat sich wohl durch das Weglassen der Buchstaben „MG“ signifikante Einsparungen versprochen und erwartete, dass jeder an der Bauform erkennt, dass es sich um eine MG- Röhre handelt.

*3: Obwohl es sich hier um eine Glas-Röhre mit aufgesprühtem Abschirmbelag handelt, erhielt diese Röhre den Suffix "MG", also eine Glas-Röhre in einer Metallhülle, was hier eindeutig nicht der Fall ist.

 

Fazit:

Mit dem Röhrenangebot der Typen:

  • Triode-Hexode 6E8,
  • Regelpentode 6M7,
  • Regelpentode- Duodiode 6H8,
  • Magisches Auge 6AF7,
  • Endpentode 6M6 und der
  • Zweiweggleichrichterröhre 5Y3GB

standen in Frankreich eine Serie von im eigenem Land entwickelten Octal-Röhren für praktisch jede Anwendung zur Verfügung. Somit konnte ein normaler AM- Superhet komplett mit einheimischen Octal-Röhren bestückt werden, ohne auf original amerikanische Röhren zurück greifen zu müssen.

Dies geschah allerdings eher nur selten, denn die Endröhre 6V6 aus amerikanischer Entwicklung war so verbreitet und beliebt, dass die 6M6 kaum dagegen ankam.
Ebenso war die amerikanische Duodiode-Triode 6Q7 so perfekt, dass man ihr keine bessere Eigenentwicklung entgegen setzen konnte.

Außer der 6Q7 und der 6V6 wurden in französischen Radios fast ausschließlich einheimische Octal-Röhren verwendet, sobald sie erschienen, so dass der Anteil original amerikanischer Röhren stark zurück gedrängt wurde.

 

(wird fortgesetzt)